Die „wanderbare“ Schöne
La Palma wurde im Jahr 2002 von der UNESCO zum Welt-Biosphärenreservat erklärt. Die „grüne Perle im Atlantik“ steht auf der Sehnsuchtsliste vieler Kanaren-Fans ganz oben.Sie ist eine „Wanderinsel“ und das zurecht. Hier findet der Wanderer auf hervorragend ausgeschilderten Wegen wovon er träumt. Ganz im Gegensatz zu den anderen Inseln des Kanarischen Archipels sind ihre Berge dicht bewaldet, ihr Wasserreichtum größer. Dazu kommt die Vielfalt ihrer Landschaften: karge Vulkankrater im Süden, urzeitliche Lorbeer-Nebelwälder im Norden, Steilküsten, die nur wenig Platz für Badestrände und Massentourismus bieten. Daneben eine Vegetation, die zu allen Jahreszeiten ihre Reize hat.
Man hat sich dem „sanften“ Tourismus verschrieben.“Bananen statt Ballermann“ lautet die Devise.
Doch La Palma ist mehr!
Steinzeitmenschen mit Kultur
Wie weit zurück in die Vergangenheit reicht Ihr Lokalpatriotismus?
Könnten Sie sich vorstellen, sich mit Ihren Vorfahren zu identifizieren, die bis ins 15.Jahrhundert auf Steinzeit-Niveau lebten und denen Rad und Metall unbekannt waren?
Die Rede ist von den „Alt-Kanariern“, die man auf La Palma „Benahoares“ nennt. Ein Volk, das der Wissenschaft bis heute Rätsel aufgibt.
Nein, primitive, einfältige Menschen, die die Spanier mit Brotrinden aus ihren Höhlen locken mussten waren sie wahrhaftig nicht. Es gab ein funktionierendes monarchisches Sozialsystem. Frauen hatten viel zu sagen und einen sozialen Status, von dem man in vielen Ländern nur träumen kann. Naturgottheiten wurden auf vielfältige Weise spirituell verehrt. Ihr Geheimnis ist noch unentdeckt, ihre Zeichen und Symbole aber allgegenwärtig auf La Palma.
Eine Reise nach La Palma ist eine Zeitreise in die Geschichte unserer eigenen europäischen Frühzeit. Die Insel ragt symbolisch aus dem Atlantik, wie ein Relikt, das sich aus der Suppe der Geschichte bis in unsere Zeit retten konnte. Denn wie sonst kaum an einem anderen Ort findet man eine solche Fülle archäologischer Zeugnisse der Steinzeitkultur, die nach Meinung mancher Forscher der sogenannten „ Atlantischen Westkultur“ angehört und mit Funden in Irland, Schottland, Italien und der Bretagne große Ähnlichkeiten aufweist.
Werden uns hier weit draußen im Atlantik unsere gemeinsamen Wurzeln auf dem Präsentierteller serviert?
Ich stehe auf der „Cumbrecita“, ein phantastischer Aussichtspunkt hoch über El Paso, von dem aus man den Nationalpark, den Vulkankessel der „Caldera de Taburiente“ im Herzen der Insel besonders gut einsehen kann. Ihre quellenreichen Schluchten und Berghänge sind mit dichten Pinienwäldern bewachsen. Ihre Steilhänge ragen bis zu 2500 Meter in die Höhe.
Wenn die Geschichte der Insel einen Duft hätte, wäre es wohl der Duft dieser Pinienwälder. Weihrauchähnlich heilsam dringt er in die Nase. Tief unten im Zentrum des Kraters steht ein hoher Basaltmonolith, der „Roque Idafe“, der heilige Felsen. Ein ritueller Versammlungsplatz der Benahoares, an dem sich nach ihrem Glauben gute und böse Geister trafen. „Kraftorte“ und Plätze der mystischen Inspiration, es gibt sie offenbar heute noch. Wie sonst ließe sich erklären, dass hier bisweilen noch kleine Opfergaben anonym abgelegt werden?
Wieviel „Benahoares“ steckt denn noch in den heutigen Inselbewohnern ? Äußerlich vielleicht nicht mehr viel, aber mental eine Menge.
Die Palmeros sehen sich in der Tradition der Altkanarier. Die Festlandsspanier, die im 15. Jahrhundert an ihnen erst einmal die Conquista probten, bevor sie sich über den Großen Teich wagten und Südamerika ausbeuteten, lernten sie ja zunächst als Opfer von Expansionspolitik und Zwangsbekehrung kennen.
Daida, Ayose, Jonai, Aitami, das sind keine Vornamen, die man aus Spanien kennt, sondern Namen der Ureinwohner. Junge intellektuelle Palmeros geben sie ihren Kindern. Doch nicht aus Volkstümelei. Es ist eher ein leiser Protest gegen die moderne Conquista, die über unsere Welt fegt, die unaufhaltsame Materialisierung und Entmenschlichung unseres Lebens. Hippietum im Kleinen.
Fiesta del Rosario in Barlovento
Frust ist nicht das Motto der Palmeros, vielmehr Lebensfreude und Gelegenheiten, das Wir-Gefühl zu zelebrieren, gibt es mehr als genug.
Am 13. August findet in Barlovento die alljährliche „Fiesta del Rosario“statt.Eigentlich haben die Bewohner Barloventos so gar nichts mit der Seeschlacht von Lepanto, bei der Christen gegen Mauren kämpften, zu tun. Aber nachdem in ganz Spanien gerne ihrer gedacht wird, warum nicht auch hier? Jorge, ein Bauer aus der Umgebung erklärt mir den Ablauf: Böllerschüsse signalisieren den Auftakt. Dann setzt sich der Zug der festlich geschmückten Wagen und Palmeros in farbenfroher, lokaler Tracht in Bewegung zurück in die Stadt.Wann er selbst dort ankommen wird ist fraglich, denn auf dem Weg dorthin erwarten die Teilnehmer viele „Raststationen“, wo sie mit Grillfleisch, Wein und Gesang erwartet werden.Gefeiert und getanzt wird dann auf dem Marktplatz bis in den Morgen hinein. Sonntags gilt es noch, mit schwerem Kopf die zur Fiesta gehörende Prozession zu überstehen.
Sternenguckerei hat Tradition
Das größte Observatorium der nördlichen Hemisphäre befindet sich auf dem Gipfel des Roque de los Muchachos, dem mit 2426 m höchsten Gipfel der Caldera de Taburiente. Ob sich die Erbauer dieses futuristisch anmutenden Projektes darüber Gedanken gemacht haben, dass die Sternguckerei auf La Palma eine lange Tradition haben könnte?
Thor Heyerdahl hat die Pyramiden in Guimar auf Teneriffa salonfähig gemacht und zum Besucherpark ausbauen lassen.
Für die Pyramiden auf La Palma bringt man weniger Interesse auf.
Ich muss lange suchen, bis ich bei Los Cancajos auf der Verbindungsstraße vom Airport in die Hauptstadt Santa Cruz die Spitze eines Steinhaufens sehe, mich in die brusthohe Macchia schlage und mir die Beine zerkratze. Kein Wegweiser, keine Erwähnung im Reiseführer. Und da steht sie vor mir! Die Stufen-Pyramide „El Guincho“. Ich steige die 32 Stufen auf ihrer Westseite hinauf bis zu obersten Plattform und blicke hinüber nach Teneriffa auf den Teide, den heiligen Berg der Alt-Kanarier. Ein ergreifender Moment. Zweck der Pyramiden und ihre Erbauer bleiben ein Rätsel, denn offizielle Grabungen gibt es bislang nicht.
Den Wert und die Schönheit dieser Insel darf man nicht nur an ihrer klimaverwöhnten, faszinierenden Landschaft bemessen, sondern an dem, was sie uns vorlebt: Lebensfreude, Gastfreundschaft, Rückbesinnung auf unsere gemeinsamen Wurzeln und die gesunde Kritik an den Errungenschaften und trügerischen Segnungen der modernen Gesellschaft.
Ein beispielhaftes und erhaltenswertes Stück Europa